Ökologische Gartenästhetik oder natürliche Gartengestaltung

Sinnliche Wahrnehmung, Ästhetik, ist im Garten so vielfältig wie in der Natur. Um einen Garten ökologisch ästhetisch zu gestalten gibt vielfältige Ansätze, von denen hier einige aufgeführt werden. Schönheit ist die unmittelbar ansprechende Ästhetik, unabhängig von gesellschaftlicher Bedeutung und Prägung.

Farbe:

Der Mensch nimmt Farben anders wahr als z.B. Insekten, die sich aber daran orientieren. Der Mensch gliedert die Farben in einem Farbkreis, aus dem er harmonische Gestaltungen ableitet. Eine davon ist die Kombination von sog. Komplementärfarben, wie z.B. Orange und Blau oder Gelb und Violett. Die Farbe Rot als reines Rot, wie beim Mohn, kommt in der Natur nur selten vor, ist im Garten meist das Ergebnis von Züchtungen. Den Farben wird auch eine emotionale Wirkung zugesprochen, die unmittelbar, aber auch kulturell gelernt sein kann, wie z.B. bei Schwarz und Weiß. Schwarz und Weiß haben im christlichen Europa eine entgegengesetzte Bedeutung wie z.B. in Japan.

In der Natur finden wir alle Farben nebeneinander. Besonders Kombinationen einer Farbe mit ihrer Komplementärfarbe bringt diese zum Leuchten. Wer Violett sagt muss auch Gelb sagen und zu Blau gehört Orange.  Im Verlauf der Jahreszeiten wechseln die Hauptfarben im Frühling vom Weiß der Schneeglöckchen über das Gelb der Osterglocken und das Weiß der Dichternarzissen und Obstblüte zum Blau der Iris sibirica. Der Sommer blüht in Gelb und Blau von Eisenhut Rittersporn. Herbstastern erfreuen in Violett und Rottönen, die auch im Herbstlaub der Gehölze zu finden sind. Insekten und Falter finden so zielgenau ihre Nahrung. Warum sollte also eine monochrome, einfarbige Gartengestaltung unser Herz ansprechen? Bei einem klassischen Orchester auf die Violine oder Bläser zu verzichten käme mir nicht in den Sinn.

Licht:

Die Natur und der Mensch, als Teil der Natur, sind auf den Lichtwechsel der Tages- und Jahreszeiten angewiesen. Nachtarbeit bei Kunstlicht kann zu gesundheitlichen Schäden führen. Das gleiche trifft auch für die Natur zu. Pflanzen und Tiere werden durch Kunstlicht, z.B. Straßenbeleuchtung, in ihrem Wachstum und Verhalten irritiert. Das kann tödliche Auswirkungen haben.  Besonders negativ sind Gartenbeleuchtungen, die durch Solarpanels betrieben werden. Neben der unnatürlichen Dauerbeleuchtung kommt hier noch das Flackern zum Ende der Akkuleistung. Natürliches Kerzenlicht ist auch bei einer geselligen Gartenrunde stimmungsvoller. Die meisten Gartenbewohner sind nachtaktiv und brauchen die Dämmerung und Dunkelheit.

Trockenheit und Bewässerung:

Mit zunehmender Trockenheit wird der Einsatz von Präriebepflanzung als Ausweg gepriesen. Ebenso wird das Mulchen mit Split, Sand oder Kies, als Schutz vor dem Austrocknen des Bodens, empfohlen. Für extreme Pflanzsituationen eine sinnvolle Maßnahme, die als Sand- oder Kiesbeet sehr gut wunderbar wirken kann. Prärie ist eine baumlose Steppe. Der Mensch genießt den Garten im Sommer unter dem schattenspendenden Blätterdach der Laubgehölze. Aus Obstbäumen leuchten reife Früchte im Herbst und locken mit ihrem Genuss. Hier finden auch Insekten, Vögel und andere tierische Bewohner des Gartens Lebensraum. Mit den Baumwurzeln wird der Boden vor Erosion geschützt und die tiefreichenden Wurzeln halten das Wasser in den oberen Schichten. Ein Rasenplatz unter einem Obstbaum ist für den Gärtner im Sommer ein gesuchter Ort. Im Rasen und offenem Boden finden Käfer Platz zur Eiablage, eine win-win Situation.  Für die Gestaltung sind Gehölze unverzichtbar, damit wirkt der Garten in der dritten Dimension.

Vagabunden:

Einjährige Wildstauden sind die ideale Ergänzung zur geplanten Bepflanzung. Sie bieten Insekten und anderen Tieren Nahrung, Unterschlupf und dem Gärtner immer wieder überraschende Erlebnisse. Da wo sie stören kann man sie reduzieren. Eine Aussaat sorgt im nächsten Jahr wieder für Überraschende Blicke. Bei uns wandern u.a. Fingerhut, Königskerze, wilde Möhre, Strahlen-Breitsame und Nachtkerze und suchen sich ihre Plätze. Wenn die Nachtkerze mit dem Sonnenuntergang ihre Blüten innerhalb weniger Minuten öffnet, ist dies immer wieder ein Schauspiel.

Oasen für Vögel, Bienen, Libellen und Igel:

Teiche mit einer Flachwasserzone sind unverzichtbar für die Tierwelt im Sommer. Hier summt und brummt es und wenn es plätschert und spritzt, duscht sich die Amsel oder der Spatz. Im flachen Wasser kann auch der Igel seinen Durst löschen. Wird der Teich mit Regenwasser befüllt, so ist auch die Wasserhärte für die Bewohner des Gartens ideal. Der Gärtner wird belohnt mit dem Himmelsspielgel, in dem Garten und Wolken überraschende Blicke bieten.

Gartenkunst einer ökologische Naturästhetik

Die „ökologische Naturästhetik“ forderte der deutsche Philosoph Gernot Böhme 1989. Er nannte den „sanftmelancholischen Garten“ als beispielhaft an. Diesen hatte C.C.L. Hirschfeld in seiner „Theorie der Gartenkunst“ 1779 beschrieben.

Ein Strich auf der Leinwand oder einen Schlag ins Material bleiben für Jahrhunderte unverändert. Der Gartenkünstler gestaltet mit der Natur als Subjekt. Natur ist ständiger Wandel, Zufall und Veränderung seiner Subjekte aus sich heraus. Gartenkunst ist eine umfassendere, ganzheitliche Gestaltungsaufgaben.

Über Jahrhunderte hinweg war Garten ein von der Natur abgegrenzter Bereich, in dem der Mensch sicher war und Kraft schöpfte. Natur war bedrohlich. Natur müsse vom Menschen gezähmt werden und ihr eine ästhetische Form gegeben werden war die Vorstellung. Diese Vorstellung fand im Barockgarten ihren Höhepunkt. Garten diente der Repräsentation von Reichtum, Prestige und Macht.

Der englischen Landschaftsgarten stellt keine Abkehr von dieser Vorstellung dar. Arkadische Natur wurde nach idyllischer Landschaftsmalerei gestaltet. Für hohe Profite aus dem Verkauf von Schafwolle vertrieben die, in London lebenden Landlords eine seit jahrhunderten ansässige Bevölkerung von ihrem Land. Auf dem entvölkerten Land wurden Schafe gehalten und zum „Naturidyll“ erhoben.

In seiner „Theorie der Gartenkunst“ stellt C.C.L. Hirschfeld die Natur selbst in den Mittelpunkt. Sie wird zum lebendigen Subjekt, ähnlich dem traditionellen chinesisch / japanischen Naturverständnis.

Darin ist Natur das „aus sich selbst entstehende„. Natur steht dem Menschen gegenüber. Sein Selbst erkennt der Mensch nur im Gegenüber. Kunst, indem sie uns anspricht, ist so ein Gegenüber.

Der Titel der letzte Skulptur meiner Reihe Cultura ist „Der ZORN“. Dabei zitiere ich Albrecht Dürers „Melancholie“ und August Rodin „Der Denker“.

Der Mensch als Gärtner hat über zehntausend Jahre gebraucht die Erde urbar zu machen. Es brauchte nur wenige Jahrzehnte dies zu zerstören.

„Der Zorn“ ist Aufforderung, vom Denken und Erkennen zum Handeln zu kommen.

Natur neu denken – Garten ist Kunst

In der langen kreativen Pause habe ich ein Buch über den Landschaftspark Bettenburg geschrieben. Dabei stieß ich auf das Werk von C.C.L. Hirschfeld, der ersten deutschsprachigen „Theorie der Gartenkunst“ aus den 1780er Jahren. Es war faszinierend diese Spur einer neuen Auffassung von Natur, Garten und Landschaft aufzunehmen. Gartenkünstler sollten danach die vorhandene Natur respektieren und durch gekonnte Eingriffe das Erlebnis dieser Natur für und ihre Wirkung auf den Menschen verstärken.

Ich mußte dabei auch an den Landschaftsfotografen Ansel Adams denken, dessen Fotografien den damaligen US-Präsidenten bewogen die ersten Nationalparks zu gründen.

Heute bedarf es wissenschaftlicher, ökologischer und wirtschaftlicher Argumente Parks einzurichten, in denen der Mensch einer sich selbst überlassenen Natur gegenüber treten kann.

Im Angesicht der gewaltigen Veränderungen, die der Mensch bewirkt, ist die Frage seines Verhältnisses zur Natur und damit zu sich selbst in den Mittelpunkt gerückt. Nicht erst seit Darwin wissen wir, dass der Mensch Teil der Natur ist.

Es ist Zeit Natur neu zu denken.

„Der Mut Natur neu zu denken“ ist aktueller den je. Kein Tag vergeht
ohne Nachrichten über die Zerstörung unserer natürlichen
Lebensgrundlage. Höchste Zeit unser Verhältnis zur Natur neu zu
denken!
Der Landschaftgarten Bettenburg entstand in einer Zeit, in der das
Verständnis Mensch und Natur neu definiert wurde. In den
Lesezirkeln wurde die „Kritik der reinen Vernunft“ des Philosophen
Immanuel Kant und Goethes Evolutionstheorie der Urpflanze
diskutiert.
In dieser Zeit der Aufklärung, dem Anfang der Moderne, verfasste der
Kieler Professor C.C.L. Hirschfeld die erste deutschsprachige
„Theorie der Gartenkunst“. Darin formulierte er eine Gartenkunst,
die die Wirkungen der Natur auf den Menschen in den Mittelpunkt
stellte. Damit ging sie weit über die vorherrschende englische Gartengestaltung
hinaus.
Mit der einzigartigen Umsetzung dieser Ideen im Landschaftspark
Bettenburg kann der Besucher auch heute noch die Wirkungen im
sanftmelancholischen Garten nachvollziehen.
Erstmalig wird im vorliegenden Buch das
vollständige Skizzenbuch eines
zeitgenössischen Porzellanmalers
mit seinen Kommentaren und allen
Inschriften des Gartens
abgedruckt. Anhand von Karten
der bayerischen Uraufnahme wird
die Waldanlage mit ihren noch
vorhanden und verschollenen
Bauten erlebbar.
Das ein Besuch des Landschaftsparks
Bettenburg zu jeder
Jahreszeit ein wundervolles Erlebnis
ist, belegen die zahlreichen
Abbildungen.
Zeit Natur
neu zu denken.

H2O – Versiegelt

Für den Wettbewerb des Landkreises Haßberge,  H2O, habe ich eine Arbeit eingereicht. In den Arbeiten soll die Umweltzerstörung thematisiert werden.

Arbeit: Versiegelt 9/2019


In der versiegelten Landschaft wird der Regen immer schneller in die Flüsse transportiert und der Anteil des Wassers, das im Boden versickern kann, wird reduziert. Damit ist es nicht mehr verfügbar für Pflanzen, Tiere und uns selbst als Trinkwasser. Die Hochwassergefahr an den Flüssen steigt.
Die Versiegelung der Landschaft soll erfahrbar werden. Als Material wurde Beton gewählt, das Material der Versiegelung. In den Beton ist ein Wasserglas eingegossen, womit sein Gebrauch unmöglich wird. Der Betrachter kann sich nicht durch einen Schluck Wasser erfrischen. Der in den Betonsockel eingepflanzte Rosentrieb ist verdorrt. Das Wasser wird durch symbolische, archaische Gravuren symbolisiert.

KUNST IM BAUERNGARTEN? von Renate Zickenheimer

Liebe Renate, danke für die unvoreingenommene Kommentierung zum Besuch des „Offenen Ateliers“ 2018 am 3. Oktober.

Renate Zickenheimer, Oktober 2018, München

PLZ 97428 Garten Pecoraro-Schneider
Ich besuchte meine beiden FB-Freunde in Franken anläßlich der kleinen „Kunst-Vernissage“ von Reinhard Schneider, die im Garten Pecoraro-Schneider stattfand. Oh, was war ich gespannt!!!

  • Park und Kunst? Doch, wenn die Objekte passen und am richtigen Platz stehen, warum nicht!
  • Garten und Kunst? Das wird oft schon schwieriger, weil man nicht so großzügig über Platz verfügen kann und sich dadurch auch passende Objekte schon mal gegenseitig die Schau stehlen. Manchmal ist es auch schlicht nicht möglich, den richtigen Rahmen für die Kunstobjekte zu finden.
  • Bauerngarten und Kunst? Waaaaas? Ja, wie soll das denn funktionieren?

Der Garten Pecoraro-Schneider ist, vereinfacht gesprochen, dreiteilig und besteht aus:

  1. dem „Bauerngarten“ mit dem klassischen Wegkreuz, einem bunten Blütenmeer und dem grandiosen Gräserpfad,
  2. dem „Küchengarten“ mit der Kräuterspirale im Zentrum und den umgebenden Hochbeeten, die fast zu jeder Garten-Jahreszeit zum Ernten einladen und
  3. dem „Genussgarten“, der vielfältig mit Obstbäumen, Sitzplätzen, Grill, Bank am Teich u.a. bestückt ist.

ACHTUNG KUNST! Ja Ihr Lieben, auch wenn der „Garten Pecoraro-Schneider“ inzwischen einen ganz schönen Bekanntheitsgrad für seine wunderbare Symbiose „altes Bauern-Haus und neuer Bauerngarten“ erreicht hat und wir schon viele wunderbare Jahreszeiten-Spaziergänge in diesem Garten machen durften, so möchte ich Euch diesen Garten heute aus einer ganz anderen, neuen Sichtweise zeigen und den Baustein „Kunst“ hinzufügen.

ACHTUNG KUNST? Ach was, das was Reinhard hier geschaffen hat, davor braucht niemand Vorbehalte hegen. Auch diejenigen unter Euch, die grundsätzlich keine Kunstausstellungen besuchen würden, schaut Euch bitte die Fotos an, es ist genug Garten in jedem Foto, so dass Ihr am Ende wohl fragen werdet – und wo waren jetzt diese Kunstobjekte, die mir so auf den Geist gehen, wenn ich nur das Wort lese?

Springt einfach mit mir rein, Ihr seht ja schon die Begeisterung einer Besucherin auf dem ersten Bild, wie gerne würde ich möglichst viele von Euch auch mit meiner eigenen Euphorie anstecken.
Und natürlich stehen die begleitenden Texte wieder direkt bei den Fotos.

KUNST IM BAUERNGARTEN? Ja, ja und nochmal ja, seht bitte selber

… Aber meine Neugier war riesengroß, ich wollte Garten sehen, „den Garten und die Kunst“!

Erst tauchte ich direkt in den Gräserweg ein, der parallel zum Has nach hinten mäandert.

Danach ertrank ich für einen herrlichen Moment im Asternmeer.

Aber schnell rettete ich mich in den Ruhepol, das Wegkreuz. Als sehr angenehm empfand ich schon immer, dass für die Einrandung der Beete auf den Buxus „Blauer Heinz“ verzichtet wurde. Lockere Stauden, durchaus nicht immer klassische Bodendecker, zeichnen hier ein lebhaftes, aber sehr ansprechendes Bild, dem jegliche Strenge fehlt.

Damit habe ich Euch schon die wichtigsten Zutaten dieses ersten Gartenteils aufgezählt.

Noch einmal schweifte der Blick über diese gekonnte Astern- und Gräserkombinationen.

Aber da sich in diesem Post ziemlich alles um die Kunst dreht, gehen wir doch zurück zum Gräserpfad.

Was für ein schöner erster Eindruck! Diese dynamische, aber unbunte Längsachse hatte Reinhard für einen Teil seiner Steinguss-Objekte als Standort sicher nicht zufällig ausgewählt.

Schneeweiße Plastiken, natürlichen Samenständen überdimensional nachempfunden, fügen sich harmonisch, ohne die Leichtigkeit der Gräser zu erschlagen in die Umgebung. Die weiße Hauswand ist ein zusätzlicher Vermittler zwischen den Kunstwerken und dem Garten.

 

Das samtige Weinrot des Knöterichs ist die einzige Farbe, die mit den weißen Plastiken kokettieren darf. Weißer Hermelin mit rotem Purpurbesatz? – wie komme ich auf diese Assoziation – auf jeden Fall kostbar – Natur ist kostbar und unbezahlbar.

Obwohl immer wieder Besucher mit Reinhard an mir vorbeigingen, leise in Gespräche vertieft, war insgesamt eine sehr andächtige, wohltuende Ruhe über dem Garten. Ich sitze gerade über diesem Text und kann den Blick kaum von den Fotos im großen Bildschirm wenden, denn schon bin ich wieder „mitten drin“ in diesem wunderbaren Garten, der sich auf eine ganz eigene Art und Weise mit mir unterhält und … seitdem Reinhards Kunst den Garten bereichert … ist diese Kommunikation um ein vielfaches angeregter geworden.

Schon in die Richtung der Staudenbeete gestellt ist diese Nachempfindung einer Eisenhut-Samenkapsel. Sie verträgt schon gut die Blütenfarben des Gartens und wirkte sehr positiv auf mich. Zum blauen Himmel geöffnet strahlte sie einen heiteren Optimismus aus, als würde sie rufen: “ habe ich nicht das Paradies zu Füßen?“

Diese Eindrücke musste ich erst einmal verdauen, die Tür zum Arbeits- und Ausstellungsraum war einladend geöffnet. Als ich eintrag wurde mein Blick magisch auf dieses Objekt gelenkt. Da war sie wieder, diese wunderbare Samenkapsel. Hier aber nicht in weiß, sondern in erdigem Ziegel-Brauntönen. … Das ist Kunst, die man versteht,…

Erst jetzt war mein Kopf frei für die weiteren Ausstellungsstücke, die ich im Garten noch nicht gesehen hatte. Ich betrachtete kurz die aufgehängten Papierskizzen und schaute mir die dazugehörigen Modelle an. Reinhard hatte nach diesen Vorarbeiten später den Stahl gebogen und geschweißt und danach mit Beton ummantelt. Die Figuren sind auf das wesentliche reduziert – wichtig sind die Bewegungen, in denen sie verharren.

Als ich in den Garten zurückkehrte, lag gleich neben dem Hauseingang diese entzückende Herbstdekoration auf dem Holztisch.

An Rudbeckia, Astern, Verbascum und Gräsern vorbei ging ich weiter zum mittleren Gartenteil – dem Küchengarten.

Auch hier fügte sich sparsame, passende Dekoration im Randbereich ganz natürlich ein.

 

Nicht weit davon entfernt fand ich die erste Figur wieder, die ich als Modell im Atelier gesehen hatte. Die Plastik wirkte schon im ersten Moment sehr archaisch af mich. Vor meinem geistigen Auge erschienen prähistorische Felsenmalereien. Aber nein, diese ausgemergelten Figuren hatten mit den opulenten Jagdszenen in Lascaux und anderen europäischen Höhlen zu tun. Dann fiel mir Südafrika ein …

Der „Kartoffelleger“ schien so mit seiner Tätigkeit beschäftigt, dass er mich gar nicht wahrnahm. Plötzlich war ich mitten in einer ganz neuen Inszenierung mit neuer Ausstattung und Kulisse. Anstatt Gräserpfad mit weißen Samenkapsel-Objekten fand ich im Küchengarten karte rotbraune Figuren vor, deren Charakter durch die „wettergegerbte“ Rostoberfläche betont wurde.

Das satte Grün im Küchengarten und die reifen Früchte und Gemüse in gelb und rot paßten genauso perfekt zu dieser Figuren-Serie, wie der Samen-Zyklus in den Gräserpfad. Was für eine göttliche Eingebung, diese beiden Themen und Farben räumlich komplett zu trennen, auch wenn sie letztlich alle mit Garten zu tun haben.

Auch der „Sämann“ würdigte mich keines Blickes, er schien an mir vorbeizustürmen. Immer mehr begriff ich, dass diese Figuren wohl kurz nach der Sesshaft-Werdung des Menschen „gelebt hatten“. Wie schwer war der Weg vom Jäger und Sammler zum sesshaften Menschen, der sich in Ackerbau und Viehzucht übte. Damals bedeutete der geringste Fehler den Tod. Es gab keine Hilfestellungen, dafür genug Feinde, die einem das Mühsam geschaffene entrissen.

Ein Blick zur Kapuzinerkresse in einem der Hochbeete bracht meine Gedanken zurück in die Gegenwart. Hatten diese Vorzeit-Menschen mit jeder Generation das Leben erträglicher, vielfältiger und weiter nach vorne gebracht und überhaupt das Überleben ermöglicht, so habe ich das Gefühl, dass der moderne Mensch eher wieder von Generation zu Generation das Überleben schwieriger Macht Meiner Ansicht nach …

Ich nutzte die Chance, als der Künstler einen Moment verschnaufen wollte und bat ihn um ein Foto für unsere Traumgarten-Gruppe. Als ich anregte, dass er sich doch spiegelbildlich zum „Hacker“ stellen könnte, holte er spontan ein Gartengerät und meinte: „die Figuren haben keine Geräte, sie agieren alle wie Pantomimen.“

Beim Anblick der Gießkanne kamen mir weitere Gedanken in den Kopf. So wie viele sogenannte Armen- und Resteessen unserer Ahnen heute als begehrte Gourmet-Speisen gelten, so ändert sch auch die früher geringschätzige Einstellung der Gesellschaft zu Bauern und Gärtnern. Heute freuen wir uns wie Schneekönige, wenn wir selber ein Stück Garten unser eigen nennen, oder einen Schrebergarten pachten können und sehen es als Privileg an, diesen nach unserem Gusto zu gestalten. Allerdings bin ich auch der Meinung, dass die hier produzierten Grundnahrungsmittel nicht die erforderliche Wertschätzung und zu geringen Geldwert erfahren.

 

 

Im Genussgarten, dem hinteren Gartenteil, steht eine Bank am Teich. Sie war genau der richtige Platz, um die Kunst-Ausstellung im Garten Revue passieren zu lassen. Die Leichtigkeit des Seins im Gräsergarten und die reife Schwere der Samenkapsel-Objekte steht einem entscheidenden Stück Menschheitsgeschichte, im Küchengarten hervorragend inszeniert gegenüber. Jede Figur, die mich im Garten schwerbeschäftigt, keines Blickes gewürdigt hatte, spricht jetzt am Bildmonitor ganze Monologe zu mir. Ja, ich höre auch leise Vorwürfe: „was habt ihr bloß aus dieser unserer Erde gemacht“?

Ich verspüre plötzlich den dringenden Wunsch viele Menschen an diesen Ort zu schicken und ich hoffe wirklich inständig, dass das, was ich im Garten vorfand, nicht nur für eine Ausstellung dort seinen Platz gefunden hat, sondern auf Dauer bleiben darf. Es sind für meine Empfindungen genau die richtigen Menschen. Verzeiht mir meine vielen Gedanken zu dem Gesehenen, aber es ist meine eigene Sichtweise dessen was ich vorgefunden habe und ich entdeckte eine kommunikative Gartenkunst, die mich sehr berührt und zum Nachdenken angeregt hat.

Gerne möchte ich mich bei Sabine und Reinhard für ihre wiederum sehr herzliche Gastfreundschaft bedanken. Das Schlußwort jedoch gehört dem Künstler selbst: Zitat Reinhard Schneider aus seiner Website: „Eine Gartenkunst, die auf Achtsamkeit zielt, die die Herzen bewegt, das ist Ziel meiner Kunst im Garten, der Gartenkunst. Kunst ist Aufgabe und Verantwortung!“